Am göttlichen Felsen im Tal des Teufels

Am göttlichen Felsen im Tal des Teufels

Über dem höllischen Verkehr Richtung Gotthard ragt eine Ausnahmewand: die Teufelstalwand. Der Granitfelsen hat Wiederentdeckungspotenzial, allem voran die Route ­Zeichen der Freundschaft. Von Claude Rémy (Die Alpen 7/2018)

Bei so einer Wand weiss man sofort: Der Tag wird ein Fest. Jeder Zug fliesst so geschmeidig in den anderen über, dass man sich fast nach oben gezogen fühlt. Doch dieses Kletterjuwel aus Granit, das nicht weit von Andermatt entfernt liegt, war bis vor Kurzem ein noch recht unbekannter Spot.

Man muss aber auch sagen, dass die unmittelbare Umgebung der Wand recht schäbig daherkommt. Eingezwängt zwischen der bekannten Teufelsbrücke und dem schweren Strassen- und Schienenverkehr zum Gotthardpass ist es am Fusse der Wand laut und stinkend. Und der Zustieg ist weder einfach noch offensichtlich.

Ein gut verstecktes Juwel

Sind die anfänglichen Unannehmlichkeiten einmal überwunden, entdeckt man mit der Route Zeichen der Freundschaft ein perfektes Stück steilen Granits, das einen aussergewöhnlichen Aufstieg entlang von Rissen und geradlinigen Verschneidungen bietet. Eine der schönsten Klettereien in der Schweiz! Klettert man auf Reibung, knirscht der Fels manchmal unter den Sohlen, und schon fangen die Nerven an zu flattern … Werde ich gleich abrutschen? Aber nein, es hält gut! Dann greift man mit einer Hand entlang eines sauberen Risses nach oben, und guter Halt und ermutigendes Vorwärtskommen sind garantiert.

«Stand!», jubelt Jean-Mi, «diese Verschneidung ist unglaublich, sie ist sogar noch besser als die zwei ersten Seillängen.» Noch besser? Ist das möglich? Aber natürlich, er hat recht. Der folgende Riss mit seinen Parallelkanten ragt traumhaft gerade in den Himmel. Beim Stand angekommen ist Fred, mein zweiter Seilpartner, derart euphorisch, dass er keine Sekunde zögert: «Das war zu schön, lasst mich runter, ich will noch mal!»

Granit und Hardrock

Welche Ironie: Vor fast 40 Jahren riet mir der Münchner ­Andreas Kubin, der die 1973 eröffnete Route als Erster frei kletterte, von der Wand ab. Die Risse seien mit Erde gefüllt, und es habe zu viel Vegetation. Er meinte, bei der Menge Gras seien die Mitglieder der Seilschaft beinahe zu Wiederkäuern geworden. Viele Jahre später warf ich vom Klettersteig Diavolo aus wieder einen Blick auf die Route. Wieder entschied ich, dass es keinen Wert hatte, sie zu besteigen. Wie man sich doch täuschen kann!

Vielleicht sollte man an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die Liebe zum Granit eine Voraussetzung für die Begehung dieser Route ist. Kubin hatte den Felsen mit Hardrock verglichen und zu Recht angemerkt: «Entweder man verehrt ihn in hohem Grade oder hasst ihn abgrundtief.» Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, den Hardrock je zu hassen, ist es tatsächlich so, dass einige den Granit verabscheuen, weil er angeblich zu monoton zum Klettern ist. So kann es vorkommen, dass man sich beim Plattenklettern auf allen vieren wiederfindet, sogar wenn die Füsse perfekt platziert werden. Gewisse Neigungsgrade erfordern eine mühselige, wenn nicht sogar schmerzhafte, körperliche Anstrengung.

Am Ende der Höhepunkt

Aber kommen wir zurück zum Zeichen der Freundschaft, wo wir uns gerade einen Kamin hochstemmen. Diese Technik ist nicht mehr sehr verbreitet, aber sie macht die Kletterei abwechslungsreich und bereitet Spass. In einem breiten Riss holen wir gar die alte Körperkeiltechnik wieder hervor. Jegliche Bewegungseleganz weicht jetzt reptilartigem Hochschieben, das von Grunz- und Schabgeräuschen begleitet wird.

Manchmal wird es wegen des eingeklemmten Rucksacks sogar ein wenig anstrengend. Aber all das reichert nur unsere Erinnerungen an. Beim Stand entscheidet sich der immer noch begeisterte Fred für eine «Cake-Guetzli-Schokoladen-Pause», anstatt die zwei Seillängen zu wiederholen. «Schade», denken sich zwei Gefrässige (Jean-Mi und ich), «jetzt müssen wir unsere Süssigkeiten teilen.»

Dieser kurze Halt ist strategisch wichtig, denn die Verschneidung in der letzten Seillänge hat zwar eine perfekte Linie, bietet aber wenig Tritte für die Füsse. Und am Ende wartet eine Ausbuchtung, die die absolute Schlüsselstelle der Route ­bildet. Noch ein letzter beherzter Zug, und dann sind wir auf dem Gipfel. Voller Lob über die gelungene Route ­haben sich hier eine Menge Kletterer im Gipfelbuch verewigt. Auch ­unsere Augen leuchten, und das Grinsen reicht von einem Ohr zum anderen. Das Wetter ist fantastisch. Heiss. Und das ­höllische Tosen des Teufels ist längst verstummt. Hat jemand gerade Paradies gesagt?

Praktische Infos

Die Teufelstalwand ist mit steilen Verschneidungen, Rissen und Pfeilern durchzogen. Auf mancher Leiste wuchert die Vegetation, aber die Routen sind aus­ser­gewöhnlich und homogen.

Routen in der Teufelstalwand

In Kürze: Acht Routen von 6b+ bis 7c, 250 m, Routeneinstieg bei 1650 m, Exposition Süd

Routen: Florina, 7c (7a+ obl.); Laura, 7a (6c); Eternal Crack, 7a (6b obl.); Alpentraum, 7a (6c obl.); eine Route ohne Namen und Infos; Wilde 13, 7b (6c); Zeichen der Freundschaft, 6b+ (6a+ obl.); Pissoir du Diable, 6b+ (6a+ obl.). ­Gemeinsamer Einstieg und Ausstieg für Florina und Laura, die zum grössten Teil selbst abzusichern sind. Eternal Crack muss ebenfalls selbst abgesichert ­werden, die anderen vier Routen sind sehr gut mit ­M10-Bohr­haken gesichert.

Zeichen der Freundschaft

In Kürze: 6b+ (6a+ obl.), 10 SL, sehr gut mit M10-Bohrhaken eingerichtet

Route: Für Granit ist es eine sehr varian­tenreiche und ungewöhnliche Kletterei. Grösstenteils athletisch anspruchsvoll führt sie durchgehend entlang von grossartigen Rissen und Verschneidungen. Die 6b von SL4 und SL5 ist anhaltend, man sollte jedoch seine Kräfte für die Schlüsselstelle in der letzten Seillänge sparen.

Bemerkung: Im September 2010 haben Claude Lévy, Christoph Linder, Patrick Muhmenthaler und Roger Würsch die Route mit einer eindrucksvollen Säuberungs- und Einrichtungsaktion aufgewertet. Es geschah zu Ehren von Heinz Leuzinger (1940–2007), der die Route zusammen mit Carlo Cadenazzi am 5. Juni 1973 erstbegangen hatte.

Anfahrt: Mit dem Zug bis Nätschen via Brig, ­danach zu Fuss oder mit dem Taxi. Die Strasse Nätschen–Windräder ist be­willigungspflichtig (Kontakt: Korpora­tion Ursern, Rathaus, 6490 Andermatt, 041 887 15 39, info@korporation-­ursern.ch). Der ­Strasse bis Tüfelstalboden (ca. 2015 m, Parkplatz) folgen (direkt vor der 3. Spitzkehre). Den Weg via Klettersteig ab­steigen, vorbei an der Fahne und über die Ausstiegsleiter des Steiges gehen. Danach rechts in ­einen Pfad einbiegen, 30 m gehen (25 min vom Parkplatz, 1 h vom Nätschen). Von da dreimal abseilen (rot markiert 45 m/40 m/35 m), dann den Bach überqueren, um zum Routen­einstieg zu kommen (Fixseile).

Beste Saison: Vom Frühling bis Ende Herbst, aber nicht direkt nach einem Regenfall. Achtung beim Bach, je nach Wasserstand ist die Überquerung sogar unmöglich.

Hinweis: Vom 1.12. bis zum 30.4. ist die ganze Zone südlich vom Bach Ruhezone und darf nicht begangen werden.

Karten: LK 1 : 25 000, Blatt 1231 Urseren; LK 1 : 50 000, Blatt 255 Sustenpass

Führer: C. und Y. Remy, Dreams of Switzerland, SAC Verlag, 2016; T. Fullin und A. Banholzer, Uri Excellence, SAC Verlag, 2015; S. von Känel, Extrem Ost, Filidor, 2013

Unterkunft: Andermatt: Gotthard Camping, 079 226 30 76, mail@gotthard-camping.ch, www.gotthard-camping.ch, geöffnet ca. vom 15. Mai bis zum 15. Oktober, ausgebucht vom 22. bis zum 26. August 2018; Hospental: Sust Lodge, 041 887 05 02, info@sust.ch, www.sust.ch

Finde die Originalversion des Artikels „Am göttlichen Felsen im Tal des Teufels“ von Claude Remy in Die Alpen 7/2018, Schweizer Alpen-Club (copyrights: Claude Remy)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.