Zeitlose Grande Lui – Dem Charme der Cabane de l’A Neuve erlegen

Zeitlose Grande Lui – Dem Charme der Cabane de l’A Neuve erlegen

Ein Aufstieg zur Grande Lui lässt ­einen fast die Zeit vergessen – wenn man ­einen Zwischenstopp in der Cabane de l’A Neuve einlegt. Von François Perraudin, Bergführer

An manche Gipfel erinnern wir uns wegen des besonderen Ausblicks oder weil sie schwierig zu besteigen waren. Der Aufstieg zum Grande Lui lässt mich dagegen vor allem an die Cabane de l’A Neuve mit ihren aus Granit gehauenen Mauer­steinen denken. Viele Episoden aus der Geschichte des Alpinismus sind mit diesem Ort verbunden. Statt sie aufzuzählen, möchte ich jedoch an die Namen der Hüttenwarte erinnern, die dafür gesorgt haben, dass die Hütte bis heute ein Ort urtümlicher Lebendigkeit geblieben ist.

Zu Beginn meiner Bergführerkarriere verfolgte uns Robert Formaz mit seinem Fernglas von der Hütte aus. Bei jeder Rückkehr ermahnte er uns, wenn wir von der Route abgekommen waren. Waren die Bedingungen heikel, stellte er sich mit seiner roten Mütze vor uns auf und sagte: «Bloss nicht aufsteigen! Viiiel zu gefährlich!» Überzeugt, dass kein vernünftiger Mensch seine Einschätzung anzweifeln ­konnte, nahm er es jeweils mit einem Schulterzucken zur Kenntnis, wenn uneinsichtige Bergsteiger trotzdem loszogen.

Hartes Leben

Cabane de l'ANeuve copyrights François PerraudinSo gewöhnlich die Hütte, so ungewöhnlich war ihr Hüttenwart. Voller Neugier freuten wir uns jedes Mal darauf, ­Robert Formaz zu treffen. Er trug seine Vorräte in einem robusten Holz­trage­gestell selbst hoch. Manchmal war auch ein Fässchen Rotwein von seinen eigenen Reben dabei. Er führte das harte Leben eines Bergmenschen, der den Wert seiner Arbeit kennt.

So blieb er nur deshalb ein Jahr länger auf der Hütte, weil er sich mit der Sektion Diablerets nicht darauf einigen konnte, zu welchen Bedingungen sie den Getränkebestand übernehmen sollte. Nach ihm folgte Tatjana Billinger, die jeden Morgen auf der Terrassenmauer die Sonne heraufbeschwor. Und jetzt steht die Cabane de l’A Neuve seit 15 Jahren unter der Ägide von Martine Gabioud, die der ­Hütte treu geblieben ist, obwohl ihr Mann Guy-Michel 2009 gestorben ist.

 

Unter der lauten Holztreppe

«Sie ist ein bisschen wie mein zweites Zuhause», verrät Martine Gabioud mit einem Strahlen in ihren Augen, «man spürt, dass hier grosse Bergsteiger übernachtet haben. Die Hütte hat eine ­Seele, auch wenn immer mehr Berggänger lieber anderswo schlafen, weil sie mehr Komfort wollen.» Die unkomplizierten Bergsteiger würden seltener, die anspruchsvollen Wanderer zahlreicher. Die köstlichen Kuchen der Hütten­wartin wissen allerdings alle zu schätzen. Gabioud selbst hat weder viel Platz noch Luxus in der Hütte.

Die Cabane de l’A Neuve stammt aus jenen urchigen Zeiten, als die Hüttenwartin tagsüber ihren ganzen Lebensraum mit den Gästen teilte. Und fast auch nachts, denn ihr Schlafraum befindet sich unter der steilen und lauten Holztreppe. «Man schläft recht unruhig, aber so schlimm ist das nicht. Ich höre die Bergsteiger um drei Uhr morgens und freue mich, sie zu bedienen, weil ich die Atmosphäre liebe.»

Ellbogen an Ellbogen Geschirr spülen

copyrights Cabane de l'ANeuveRobert Formaz ruht friedlich am Fusse seiner Berge, die ­immer häufiger vom Knacken der Gletscher widerhallen. Martine Gabioud hört es von ihrer Küche mit dem massiven Holzofen aus. Gleich daneben befinden sich ein Zinkbecken und ein kleiner Arbeitsbereich, wo man Ellbogen an Ellbogen steht, um das Geschirr zu spülen und die dicken, weissen Porzellanteller in die Schränke zu räumen. Jedes Stück hat seinen Platz, sonst bräche das Chaos aus.

«Zum Glück gehen einem die Bergführer zur Hand, wir teilen die Arbeit und tauschen uns aus. Mit ein Grund, warum ich hierbleibe.» Der gemütliche Essraum hat einen Lärchenholzboden, den ­Generationen von Leder- und Holzschuhen zum Glänzen gebracht haben. Unter dem Dach befindet sich der Schlafraum mit Kojen, die bei der kleinsten Bewegung knirschen. Aber wenn im Morgengrauen die schroffen Spitzen des ­Dolent in sanftes Rot getaucht werden, spürt man, was für ein Privileg es ist, an einem zeitlosen Ort zu weilen.

Vorzimmer der grossen Granitpfeiler

Auch hier wird es immer wärmer! Unter den Gipfelhängen der Grande Lui ist das Eis grauem Schotter gewichen, auf dem man leichtfüssig und präzise auftreten muss und doch bei jedem Schritt zurückzurutschen droht. Es sei denn, Schnee bedeckt zu Beginn der Saison noch die steinigen Hänge und die wenigen Gletscherspalten. Absteigen kann man dann in angenehm langen, rutschenden Schritten.

Vom Gipfel der Grande Lui aus zeigen sich die hohen Granitpfeiler und die spitzen Grate desMont-Blanc und lassen einen die majestätische Macht dieses Massivs erahnen. Hier jedoch ist die Umgebung noch sanft, etwas abgerundet, auch im Gegensatz zur schroffen Seite des Aiguille d’Argentière und zu seinem Couloir Barbey, die technischere und ­schwierigere Aufstiege vermuten lassen. Genau darauf bereitet man sich vor, wenn man die Grande Lui besteigt …

Mont Dolent copyrights François Perraudin

Praktische Infos

1. La Fouly (1592 m) – Cabane de l’A Neuve (2735 m)

In Kürze: T3, 3 h 30, ↗ 1143 m

Route: Von La Fouly quert man erst die Drance de Ferret, dann den Campingplatz. Der Weg wird steiler, wenn man sich dem Wildbach von l’A Neuve nähert, der von steilen Felsen rechts abfällt. Aber der Aufstieg ist mit ­soliden Ketten ausgerüstet, und den Wildbach kann man ohne Probleme bei einer Brücke überqueren. Weiter geht es auf einem angenehmeren Weg, der zu Grashängen hinaufführt, dann über die Moräne bis zur Hütte.

Bemerkung: Die mit Ketten ausgestattete Felspassage ist dem Umweg nach links vorzuziehen, der auf einem ­unangenehmen Moränenweg erfolgt.

2. Cabane de l’A Neuve (2735 m) – Grande Lui (3509 m)

In Kürze: WS–, 3 h (Aufstieg), ↗ 574 m, ↘ 1617 m

Route: Abmarsch im Morgengrauen, um die Moräne auf dem Weg zum Tour Noir zu überqueren. Linkerhand führt die Moräne in eine immer steiler werdende Schlucht. Um den Gletscherübergang zu vermeiden, der unter einer brüchigen Felspartie (3457 m) westlich des Saleina-­Passes Steinschlägen ausgesetzt ist, wurde ein Weg ausgespurt und mit gelben Dreiecken an den Felsen des rechten Gletscherufers markiert. Betreten Sie den Gletscher nicht bis auf ca. 3200 m: Der friedliche Anblick täuscht, unter dem Schnee verbirgt er tückische Risse, bei denen es angebracht wäre, sich anzuseilen. Je nach Verlauf der Sommerschmelze kann der Gletscherschrund direkt oder diago­nal nach rechts überquert werden, um die letzten heiklen und bröckelnden Felspassagen zum Gipfel zu ­erklimmen. Abstieg: gleiche Route wie beim Aufstieg.

Anfahrt: Im Zug bis Orsières via Martigny, dann mit dem Bus bis La Fouly.

Ausrüstung: Material für Gletscherwanderungen, Eisschrauben je nach Zustand des ­Gletscherschrundes

Beste Saison: Von Mitte Juni (Geröllfeld vom Schnee bedeckt) bis Mitte September

Karten: LK 1 : 25 000, Blatt 1345 Orsières; LK 1 : 50 000, Blatt 292 Courmayeur

Bibliografie: Banzhaf, Fournier und Roduit, Mont ­Dolent / Grand Combin / Pigne d’Arolla. Vom Col de Balme zum Col Collon, SAC Verlag, Bern 2016

Unterkunft: Cabane de l’A Neuve, +41 27 783 24 24, info@aneuve.ch, www.aneuve.ch; Camping des Glaciers, +41 27 783 36 05, www.camping-glaciers.ch; Auberge Maya-Joie, +41 27 780 11 66, www.mayajoie.ch; Diverse Hotels beim Fremdenverkehrsamt von Pays du St-Bernard: www.lafouly.ch

Finde die Originalversion des Artikels „Zeitlose Grande Lui“ von François Perraudin in Die Alpen 6/2018, Schweizer Alpen-Club (copyrights: François Perraudin)

                                                                       

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